“Der Schäuble”

Einst, um eine Mittnacht graulich, da ich trübe sann und traulich
müde über manchem arg Beschluss, der an den Bürgerrechten zehrt
da der Schlaf schon kam gekrochen, scholl auf einmal leis ein Pochen,
gleichwie wenn ein Fingerknochen pochte, von dem Rechner her.
»’s ist Besuch wohl«, murrt’ ich, »was da pocht so knöchern zu mir her –

nur im Chat – nichts weiter mehr.«

Ah, ich kann’s genau bestimmen: Im Dezember war’s, dem grimmen,
und der Kohlen matt Verglimmen schuf ein Geisterlicht so leer.
Brünstig wünscht’ ich mir den Morgen; hatt’ umsonst versucht zu borgen
von den Büchern Trost dem Sorgen, ob Lenor’ wohl sicher wär’ –
ob Lenor’, die jüngst geflohen, vor dem Terror sicher wär’ –

vor dem Terror – hier nicht mehr.

Und das seidig triste Drängen in den digitalen Gängen
füllt’, durchwühlt’ mich mit Beengen, wie ich’s nie gefühlt vorher;
also daß ich den wie tollen Herzensschlag mußt’ wiederholen:
»’s ist Besuch nur, der auf meinem Rechner mahnt, daß Einlaß er begehr’ –
nur ein später Wurm, der listig mahnt, welch’ Daten er begehr’ –

ja, nur das – nichts weiter mehr.«

Augenblicklich schwand mein Bangen, und so sprach ich unbefangen:
»Gleich, mein Wurm – gleich, mein Trojaner – um Vergebung bitt’ ich sehr;
just das Wochenbackup machte, und Ihr Klopfen klang so sachte,
daß ich kaum davon erwachte, sachte von dem Recher her –
doch nun tretet ein!« – und damit öffnete den Port ich – leer!

Nullbits dort – nichts weiter mehr.

Aufs Register späht’ ich lange, zweifelnd, wieder seltsam bange,
Listings träumend, wie kein sterblich Hirn sie träumte je vorher;
doch der Rechner gab kein Zeichen; nur ein Wort ließ hin er streichen
durch die Nacht, das mich erbleichen ließ: Das Wort »Lenor’?« so schwer.
Selber sprach ich’s, und ein Echo murmelte’s zurück so schwer –

nur »Lenor’!« – nichts weiter mehr.

Da ich nun zurück mich wandte und mein Herz wie Feuer brannte,
hört’ ich abermals ein Pochen, doch vom Rechner kam’s nicht her.
»Ah, gewiß«, so sprach ich bitter, »liegt’s an meinem Fenstergitter;
schaden tat ihm das Gewitter jüngst – ja, so ich’s mir erklär’ –
schweig denn still, mein Herze, lass mich nachsehn, daß ich’s mir erklär’ –

‘s ist der Wind – nichts weiter mehr!«

Auf warf ich das Fenstergatter, als herein mit viel Geknatter
rollt’ ein stattlich stolzer Schäuble wie aus Sagenzeiten her;
Grüßen lag ihm nicht im Sinne; keinen Blick lang hielt er inne;
mit hochherrschaftlicher Miene steuerte zur Türe er –
rollt’ sich zu der Grundrecht-Büste bei dem Türgesims dort – er

rollt und stoppt – nichts weiter mehr.

Doch dies stasihafte Wesen ließ mein Bangen rasch genesen,
ließ mich lächeln ob der Miene, die es macht’ so ernst und hehr:
»Ward dir auch kein einfach’ Amt zur Gabe«, sprach ich, »so doch blind Gehabe,
grauslich grimmer alter Staatsmann, Irrender in Juris’ Sphär’ –
sag, welch hohen Namen gab man dir in Juris’ edler Sphär’?«

Sprach der Schäuble, »Daten her.«

Staunend hört’ dies rauhe Klingen ich dem Schäuble sich entringen,
da die Antwort rechtsstaatfeindlich und unglaublich sehr;
denn wir dürfen wohl gestehen, daß es keinem noch geschehen,
solch eine Gier bei sich zu sehen, die vom Grundrechtsbruche her –
die von einem fanatisch blinden Grundrechtshasse her

laut kreische: »Daten her!«

Doch der Schäuble zittrig ragte und dies eine Wort nur sagte,
gleich als läge all sein Hass auf uns’rer Freiheit sehr;
keine Silbe sonst entriß sich seinem wirren Innern, bis ich
seufzte: »Mancher Feind verließ mich früher schon ohn’ Wiederkehr –
morgen wird er mich verlassen, wie mein Glück – ohn’ Wiederkehr.«

Doch da sprach er, »Daten her!«

Einen Augenblick erblassend ob der Antwort, die so passend,
sagt’ ich, »Fraglich ist dies alles, was der Kerl gelernt bisher:
Er war bei einem Herrn in Lehre, den so tief des Schilys quere
Paragraphen trafen, daß all sein Denken gründet sich im Hass so sehr –
daß der Horizont der Freiheit sich bei ihm beschränkt so quer

auf dieses wirre »Daten her!«

Doch was Trübes ich auch dachte, dieser Staatsfeind mich doch lächeln machte,
immer noch, und also holt’ ich stracks mir ein Gesetzbuch her
und ließ die Seiten fliehen, schöpfte Verfassungsenergien
verglich mit Karlsruher Theorien: Wie’s wohl zu verstehen wär’ –
wie dies grimme, angsterfüllte Wesen zu verstehen wär’,

wenn es krächzte »Daten her!«

Dieses zu erraten, saß ich wortlos vor dem Kerl, doch fraß sich
mir sein Blick ins tiefste Innre nun, als ob er ein Trojaner wär’;
brütend über Rechtsstaatstreue, scrollte ich ganz ohne Reue
meinen Cursor durch die Ordner, die verschlüsselt auf der Platte –
auf der eigentlich privaten Platte, lagen mit den Bildern von Lenor’ –

den Urlaubsbildern von Lenor’!

Da auf einmal füllten Düfte, dünkt’ mich, weihrauchgleich die Lüfte,
und rousseauscher Schriften Duktus drang aus Büchern zu mir her.
»Freiheit«, rief ich, »sieh, man sandte diesen Leugner hier und gab ihm
Staatsmacht, worinnen endet nun dein Existieren hier.
Doch wir bleiben standhaft und verteidigen dich, wir –

Sprach der Schäuble, »Gib die Daten mir!«

»Ah, du prophezeist ohn’ Zweifel, Höllenbrut! Ob Tier, Ob Teufel –
ob dich Otto Schily sandte, ob der BND dich trieb hierher
rastlos und ganz ohne Bangen, allen freiheitlichen Belangen,
den Prozess zu machen – sag’s mir endlich, bitt’ dich sehr –
lässt du – lässt du meine Freiheit mir?- sag’s mir – sag mir, bitt’ dich sehr!«

Sprach der Schäuble, »Daten her!«

»Ah! dann nimm die letzten Rechte, Höllenbrut – ob Tier, ob Teufel!
Dann treib doch weiter, deinen Hass in die Verfassung rein!
Künd mir: Wird es denn geschehen, daß ich einst in Juris Höhen
darf die Rechte wiedersehen, selig in der Freiheitsspähr’ –
darf die Rechte, die du folterst, haben in der Freiheitsspähr?«

Sprach der Schäuble, »Daten her!«

»Sei denn dies dein Abschiedszeichen«, schrie ich, »Terror ohnegleichen!
Hebe dich hinweg und kehre stracks zurück in Juris Sphär’!
Keiner einz’gen Spende Lüge bleibe hier, dem Größenwahnsinn
Zeugnis! Laß mit meinen Daten mich allein! – hinweg dich scher!
Hack nicht länger meinen Rechner! Pack dich! Fort! Hinweg dich scher!”

Sprach der Schäuble, »Daten her!«

Doch der Schäuble rührt sich nimmer, spricht noch immer, spricht noch immer
von der Sicherheit durch Daten, von dem E-Pass wie vorher;
und in seinen Augenhöhlen eines Dämons Träume schwelen,
und das Licht wirft seinen scheelen Schatten auf die Wahrheit schwer;
und es hebt sich aus dem Schatten aus der Wahrheit dumpf und schwer

meine Freiheit – nimmermehr.

~ Ende ~

Creative Commons License
Der Schäuble (Text) von Christoph Brüning steht unter einer Creative Commons Namensnennung 3.0 Deutschland Lizenz.

weitere links:
cchristoph
lightening talks wiki
zur videoaufzeichnung
wp: edgar allan poe – der rabe

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